Kaum ein archäologischer Fund hat die Welt je wieder so berührt, wie der des Grabes von Tutanchamun. Am 4. November 1922 entdeckte der britische Archäologe Howard Carter im Tal der Könige eine unter antikem Schutt verborgene Felstreppe: Der Eingang zum Grab des ägyptischen Königs. Eine perfekte Sensation. Bis heute ist an jedem 4. November Tutanchamun-Tag" oder einfach - King Tut Day. Autorin: Silvia Rabehl (BR 2022)
Credits
Autor/in dieser Folge: Silvia Rabehl
Regie: Sabine Kienhöfer
Es sprachen: Hemma Michel, Christian Baumann, Peter Weiß
Technik: Susanne Herzig
Redaktion: Thomas Morawetz
Eine besondere Podcast-Empfehlung der Redaktion:
Boudicca. Die Keltenkriegerin
Eine wahre Geschichte: Die Königin der keltischen Icener führt um 60 n. Chr. in Britannien den legendären "Boudicca-Aufstand" gegen die römische Besatzung an, um Rache für erlittenes Unrecht zu nehmen und wieder frei, unabhängig und selbstbestimmt leben zu können. Heute gilt sie als Ikone des britischen Feminismus.
ZUM PODCAST
ARDalpha hat einen spannenden Artikel mit Bildern, Audios und Videos zu Tutanchamun:
TUTANCHAMUN - Die Geheimnisse um den jungen Pharao
ZUM BEITRAG
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
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Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.
Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek:
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
00:14 – Intro
01:20 –Der bislang unbekannte König Tutanchamun
02:50 – Die ausgelöschten Herrscher
06:58 - Die Entdeckung einer Weltsensation
07:45 – Auf den Spuren Tutanchamuns
10:53 – Ein Kind auf dem Thron
12:31 – Ordnung in das Chaos bringen
14:06 – Die schwierige Familie des Tutanchamun
15:53 – Eine ganz neue Ästhetik
17:45 – Tutanchamun heute
19:31 – Zwischen Vergessenheit und Hype
23:02 - Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC: 00:14 – Intro
SPRECHERIN
18. Oktober 1922: Der britische Archäologe Howard Carter trifft in Luxor ein. Er weiß, dies ist vielleicht seine letzte Chance, sich den Traum von der Entdeckung eines noch unberührten Pharaonengrabs im Tal der Könige zu erfüllen. Seinen Förderer und Inhaber der Grabungskonzession für das „Tal“, Lord Carnarvon (Betonung a.d. zweiten Silbe), hat er nur mit Mühe davon überzeugen können, dem Vorhaben noch einen letzten Winter zu widmen.
SPRECHER
Carters Notizen und Tagebucheinträge, heute im Griffith Institute in Oxford archiviert und online für jeden zugänglich, zeugen von seinem hartnäckigen Optimismus:
ZITATOR
„Außerdem war noch immer die Stelle mit den Arbeiterhütten und den Feuersteinen am Fuß des Grabes Ramses VI. näher zu untersuchen, und ich hatte stets eine Art abergläubischen Gefühls, daß gerade in dieser Ecke des „Tals“ einer der fehlenden Könige, möglicherweise Tut-anch-Amun, gefunden werden könne.“
TC 01:20 –Der bislang unbekannte König Tutanchamun
SPRECHERIN
Dabei wird der Name Tutanchamun in den offiziell aus der Antike überlieferten Listen ägyptischer Könige gar nicht erwähnt. Doch es existierten durchaus Hinweise darauf, dass ein König dieses Namens im „Tal“ bestattet sein könne. Bevor nämlich Lord Carnarvon im Jahr 1915 die Grabungskonzession für das berühmte „Valley of the Kings“ erhielt, lag diese lange Jahre bei Theodore M. Davis, einem wohlhabenden amerikanischen Geschäftsmann. Davis war sehr erfolgreich im Tal der Könige unterwegs gewesen: Mit Unterstützung verschiedener Grabungsleiter, darunter für kurze Zeit auch Howard Carter, war ihm die Entdeckung mehrerer – wenn auch bereits geplünderter – Königsgräber gelungen.
SPRECHER:
So fand Davis im Jahr 1906 einen Fayencebecher mit der Kartusche des Thronnamens von Tutanchamun, Neb-Cheperu-Ra. Und sein Grabungsteam entdeckte in unmittelbarer Nähe eine kleine Grube, eine Cachette, die verschiedene Gegenstände enthielt: Ganz offensichtlich handelte es sich um Reste einer Bestattungszeremonie – möglicherweise der von Tutanchamun, da Leinenbinden und Lehmsiegel seine Namenskartusche trugen. Davis maß dem Fund - im Gegensatz zu Howard Carter - keinerlei Bedeutung bei. Sicher, die Form seines Thronnamens und die Lage des Fundes wiesen Tutanchamun als einen möglichen König der sogenannten Amarnazeit gegen Ende der 18. Dynastie aus.
Musik: C1588530103 Belly dance in Egypt 1‘03
TC 02:50 – Die ausgelöschten Herrscher
SPRECHERIN
Eine Epoche, die durch König Echnaton und seine radikale Abkehr von den alten Göttern geprägt und begründet worden war; und die ihre moderne Bezeichnung von jenem mittelägyptischen Ort erhalten sollte, an dem die Ruinen von Echnatons einst aus dem Sand gestampfter Reichshauptstadt Achet Aton liegen – Tell el-Amarna! Mit Echnatons Tod fielen nicht nur seine religiösen Neuerungen, sondern auch seine Familienangehörigen einer radikalen Auslöschungspolitik zum Opfer. Ihre Namen wurden bewusst aus dem kulturellen Gedächtnis der Ägypter getilgt, und auch Tutanchamun findet keine Erwähnung in den altägyptischen Königsannalen. Erst Ausgrabungen in Tell el-Amarna zu Beginn der 1920er Jahre führten schließlich zu mehr Erkenntnissen über diese rätselhafte, ausgelöschte Zeit und ihre Herrscher. Kein Wunder also, dass Davis mit diesem Fund keine großen Erwartungen verbunden hatte.
Gleichzeitig erkannte Herbert Winlock, der spätere Direktor des New Yorker Metropolitan Museums, zu Beginn der 1920er Jahre die wahre Bedeutung des Fundes, der sich in seiner Obhut befand: Diese Reste einer Bestattungszeremonie ließen kaum Zweifel daran, dass ein König Tutanchamun im Tal der Könige bestattet sein musste.
1 O-TON: PROF. HOFFMANN (Hoffmann 1 / 00:04 – 00:59)
„Also, was historische Quellen zu Tutanchamun anbelangt: Historische Quellen in der Ägyptologie, das ist ein weiter Begriff. Man kann natürlich im weitesten Sinne alles als eine historische Quelle betrachten, aus der man irgendeine Information in unserem Sinne herausbekommt. Also etwas zur Ereignisgeschichte. Dazu gehören zum Beispiel die Weinkrugaufschriften von den Krügen, die im Grab von Tutanchamun gefunden worden sind. Da weiß man, bis zu dem und dem Jahr hat er noch Wein bekommen – und danach eben nicht mehr! Also hat er nur so und so viel Jahre regiert.
SPRECHER
… erklärt Professor Friedhelm Hoffmann, Leiter des Münchner Instituts für Ägyptologie an der Ludwig-Maximilians-Universität, die Bedeutung solcher Funde.
Musik: Z8037642105 Anxious 0‘45
TC 05:01 – „Ich sehe wunderbare Dinge“
SPRECHERIN
Howard Carter konzentriert sich in diesem November 1922 also zunächst auf die Arbeiterhütten aus der Zeit der 19. Dynastie. Sie werden dokumentiert und danach abgeräumt, um Preis zu geben, was vielleicht unter ihnen liegt. Am Morgen des 4. November dann die Entdeckung: Der Arbeitertrupp stößt auf in den Felsen gehauene Stufen – der erste Hinweis auf ein Grab. Die Spannung Carters und seines Teams, als am Ende der Stufen eine versiegelte Tür zum Vorschein kommt, mag man sich kaum ausmalen. Was mochte sich wohl dahinter verbergen – und waren Grabräuber, wie so oft im Tal, bereits vor ihnen da gewesen?
ZITATOR
„Etwas gab mir zu denken, und das war die Kleinheit der Öffnung im Vergleich zu den anderen Talgräbern. Die Anlage war sicher die der 18. Dynastie. Konnte es das Grab eines Vornehmen sein, der hier mit Erlaubnis des Königs bestattet war? Oder war es wirklich das Grab des Königs, auf das zu finden ich so viele Jahre verwandt hatte?“
Musik: CD538040009 Lebanon 1‘03
SPRECHER
Der 26. November 1922 soll das Rätsel lösen: Am Nachmittag erreicht das Grabungsteam endlich die zweite, nun freigeräumte und ebenfalls versiegelte Tür. Im Beisein von Lord Carnarvon und seiner Tochter Evelyn sowie dem Ägyptologen Arthur Callender bohrt Carter ein kleines Loch in die linke obere Ecke der Tür. Mit einer Kerze verschafft er sich vorsichtig Einblick in das unbekannte Dunkel auf der anderen Seite – und bleibt sprachlos. Ungeduldig bricht Lord Carnarvon endlich das Schweigen, „ob er denn etwas sähe?“. Carters legendäre Antwort „Ja, wunderbare Dinge“ ist in der Ägyptologie längst zum geflügelten Wort geworden.
TC 06:58 - Die Entdeckung einer Weltsensation
SPRECHERIN
Was waren das nun für „wunderbare Dinge“, die Howard Carter zunächst die Sprache verschlugen? Die Ägyptologin Professorin Regine Schulz vom Hildesheimer Pelizaeus-Museum:
2 O-TON SCHULZ (Schulz 1 /00:26 – 01:23)
„Generell muss man sagen, die Entdeckung des Grabes war schon einmal eine ganz aufregende Geschichte, nicht nur, weil es ein Grab war, das bisher einmal unbekannt, und zweitens dann eben nicht wirklich in großem Maße zerstört war.
Das ging durch die Presse weltweit. Das ging über viele Monate, Jahre eigentlich hinweg, dass man neue Stücke angeguckt hat, über diese Stücke geredet hat. Also Tutanchamun wurde Teil, eigentlich muss man sagen, der kulturellen Weltcommunity.“
TC 07:45 – Auf den Spuren Tutanchamuns
SPRECHER
Über den Besitzer von Grab Kings Valley - kurz KV - Nr. 62, König Tutanchamun selber, wusste man damals allerdings wenig. Sein Name wurde in den überlieferten Königslisten nicht erwähnt. Grablage und Architektur, sowie die Grabbeigaben und Beschriftungen, alles deutete jedoch darauf hin, dass er den Königen der Armarnazeit zuzurechnen war, also jenen Königen, deren Gedenken und Namen bewusst - auch physisch - ausgelöscht worden waren, indem man beispielsweise ihre Namenskartuschen und Abbildungen aushackte oder überschrieb.
Dazu Prof. Hoffmann:
3 O-TON HOFFMANN (Hoffmann 6 / 00:14 – 00:35)
„Tutanchamun gehörte für die Ägypter des Neuen Reiches und dann später, zu den Amarnakönigen. Also zu Echnaton, Semenchkare, Tutanchamun – und Eje gehört auch dazu. Und die sind in der nachfolgenden Überlieferung einfach totgeschwiegen worden. Die gibt es in der offiziellen Überlieferung nicht mehr: Damnatio memoriae.“
SPRECHERIN
Die Auslöschung der Erinnerung.
4 O-Ton Prof. Hoffmann: (Hoffmann 6 / 00:36 – 00:44)
„Wenn die Ägypter dann, zum Beispiel in der Ramessidenzeit, eine Königsliste aufgeschrieben haben, dann werden die Amarnakönige einfach ausgelassen.“
SPRECHER
Ein weiterer Hinweis, der Tutanchamun direkt mit Amarna verbindet, findet sich auf einem in Hermopolis in Mittelägypten entdeckten Steinblock, der ursprünglich aus dem nahen Tell El-Amarna stammt:
5 O-TON HOFFMANN (Hoffmann 2 / 00:07 - 00:44)
„Ja, dann ist auch noch interessant, was es so an Inschriften gibt, unter anderem auch noch ein Block, aus dem sich der ältere Name von Tutanchamun ergibt: Der hieß nämlich, weil er ja noch im wahrsten Sinne des Wortes ein Kind der Amarna-Zeit ist, hieß er Tut-Anch-Itn. Und als er dann, als König, Amarna verließ und dann nach Memphis ging zu seiner neuen Hauptstadt – oder der neuen Hauptstadt Ägyptens, dann hat er sich umbenannt zu Tutanchamun.
Musik: Z8032965114 Parts of breath (reduced)0‘45
SPRECHERIN
Die ägyptische Hieroglyphenschrift schreibt, ähnlich den semitischen Schriftsystemen, keine Vokale. Daher ist die eigentliche Aussprache der Worte nicht bekannt, und in der Ägyptologie wird dann gelesen, was dasteht, und Vokale werden nur angedeutet oder gänzlich weggelassen. Die Aussprache von Personen- oder Götternamen lässt sich jedoch zum Teil über Korrespondenz, die in anderen Schrift- und Sprachsystemen geführt wurde, herleiten, wie etwa die in Amarna gefundenen keilschriftlichen Briefe. Doch die tatsächliche Aussprache bleibt wohl für immer eine Grauzone, da Altägyptisch eben eine „tote“ Sprache ist.
6 O-TON HOFFMANN (Hoffmann 3 / 00:07 – 00:39)
„Ja, und der Name Tutanchamun - und natürlich auch der ältere Name Tutanchaton – Tutanchamun heißt nicht, wie meistens vertreten wird „Lebendes Bild des Amun“. Das geht aus grammatikalischen Gründen nicht. Da müsste er dann nämlich Tut-Anch-n-Imn heißen. Mit einem sogenannten „indirekten Genitiv“. Der Name kann also nur bedeuten sowas wie „Der, der ähnlich ist dem Leben des Amun“ meinetwegen.“
Musik: Z8027679103 Middle east borders 1‘02
TC 10:53 – Ein Kind auf dem Thron
SPRECHER
Die frühen Könige der 18. Dynastie hatten das ägyptische Neue Reich begründet und ein ägyptisches Großreich erschaffen, wie es bisher noch nie da gewesen war. Insbesondere Thutmosis III. (sprich: Thutmoses der Dritte), der mit seiner Armee weite Territorien in Kleinasien und dem heutigen Sudan eroberte, hatte dem Land sowie den Tempeln ungeheure Macht und Reichtümer gebracht. Bereits unter König Amenophis III. (sprich: Amenophis dem Dritten) und seiner Frau Teje, den Großeltern Tutanchamuns, war jedoch eine Abgrenzung gegenüber der zu mächtig gewordenen Priesterschaft des Amun in Theben zu beobachten. Amenophis‘ Sohn Echnaton, Amenophis IV., brach dann endgültig mit den alten Traditionen: Er schuf sich weit weg vom oberägyptischen Theben mit seiner mächtigen Priesterschaft ein neues Wirkungszentrum im mittelägyptischen Tell El-Amarna. Und er machte den Gott Aton in Gestalt der omnipräsenten Sonnenscheibe zum Gott über alle Götter Ägyptens, mit der Königsfamilie als Mittler zwischen Volk und Aton. Als Echnaton etwa 1336 vor unserer Zeitrechnung starb, gingen aus der Ehe mit seiner Frau Nofretete keine männlichen Nachkommen hervor. Die genaue Abfolge der „Amarnakönige und -königinnen“ nach ihm ist bis heute umstritten. Etwa drei Jahre nach Echnatons Tod, wurde das Kind Tutanchamun, unter der Vormundschaft eines Mannes namens Eje, zum König ausgerufen. 10 Jahre sollte der kränkliche junge König auf dem Thron bleiben, bevor er viel zu früh und ohne Nachkommen starb.
Musik: Z8027679103 Middle east borders 0‘35
TC 12:31 – Ordnung in das Chaos bringen
ZITATOR
„Es erschien aber seine Majestät als König auf dem Thron, als der Tempel der Götter und Göttinnen von Elephantine bis zu den Marschen des Deltas im Verfall und ihre Rituale in Auflösung begriffen waren, als ihre Heiligtümer verkommen und zu pflanzenbewachsenen Hügeln geworden waren, und ihre Allerheiligsten waren, als seien sie nie gewesen, und ihre Gebäude ein Fußweg.“
SPRECHERIN
So lautet ein Auszug aus der sogenannten Restaurationsstele, einer Gedenktafel, deren Bruchstücke zu Beginn des letzten Jahrhunderts im Tempelbezirk von Karnak gefunden wurden. Sie dokumentiert die wichtigste Aufgabe eines jeden ägyptischen Königs, in diesem Fall die des Tutanchamun, nämlich, die „Ordnung“, altägyptisch MAAT, im Land wiederherzustellen – insbesondere nach der anarchischen Zeit des Echnaton!
7 O-TON HOFFMANN (Hoffmann 1 /02:21 – 03:01)
„Tutanchamun, der quasi beschreibt oder jedenfalls die Aussage macht, das Land war völlig durcheinandergeraten, die Gottesopfer, die Gottesverehrung, all das hat nicht mehr funktioniert. Und er ist jetzt der König, der das wiederherstellt. Diese Stele ist natürlich nicht von Tutanchamun selbst verfasst. Das ist auch logisch. Der war noch ein Kind. Sondern das haben natürlich seine Berater und die maßgeblichen Leute gemacht. Aber natürlich, im ägyptischen Geschichtsbild ist es der König, der solche Sachen macht. Also steht Tutanchamuns Name drauf.“
Musik: Z8027679109 Oriental conspiracy 0‘30
TC 14:06 – Die schwierige Familie des Tutanchamun
SPRECHER
Erst Haremhab, der zunächst unter Tutanchamun ein steile militärische Karriere machte und dann, nach Eje, den Thron selber bestieg, wird wieder in den offiziellen Königslisten genannt, in direkter Nachfolge von Amenophis III. Offenbar war es ihm gelungen, die Spuren der Amarnaherrscher zu eliminieren, ihre Denkmäler in seinem Namen zu usurpieren – und den Kult für die alten Götter wiederherzustellen.
8 O-TON HOFFMANN (Hoffmann 6 / 01:02 – 01:26)
„Möglicherweise hat Haremhab, der dann die Amarna-Zeit wirklich beendet hat, auch politisch, sich diese Regierungsjahre dann einfach in seine eigene Zählung miteingeschlossen. Darum kommt Haremhab auf relativ viele Regierungsjahre, aber nur dadurch, dass er die Vorgängerkönige aus der Amarna-Zeit seinen eigenen Jahren dazuschlägt.“
SPRECHERIN
Der Ägyptologe Zahi Hawass (Hauwás -Betonung a.d. letzten Silbe) veranlasste 2010 eine DNA-Untersuchung unter anderem an denjenigen königlichen Mumien, die eindeutig dem Ende der 18. Dynastie zuordenbar sind. In der Folge wurde der Inhaber von Grab Tal der Könige KV 55 als Tutanchamuns Vater identifiziert. Ausgerechnet dieses Grab, noch unter dem Amerikaner Theodore Davis entdeckt, wurde äußerst unsachgemäß ausgegraben und dokumentiert! Die Mumie befand sich in einem denkbar schlechten Erhaltungszustand, und ihr Sarg war ursprünglich für eine andere Bestattung gedacht gewesen. Ob es sich hier tatsächlich um Echnaton handelt, wie oft vorgeschlagen, oder um einen jüngeren Angehörigen, bleibt bis heute umstritten, auch weil sich die Forscher nicht auf das genaue Alter der Mumie festlegen können.
Musik: Z8027679117 Threatened arabic tradition 0‘42
TC 15:53 – Eine ganz neue Ästhetik
SPRECHER
Echnaton, der „Einzige des Aton“ und möglicherweise auch Vater des Tutanchamun, hatte für seinen Gott den künstlerischen Ausdruck in Architektur, Malerei und Rundplastik gänzlich neu erschaffen, und zwar bewusst im Widerspruch zum Schönheitsideal seines Vaters und Vorgängers Amenophis III. Im Namen Tutanchamuns mussten seine Berater nun alles dafür tun, dass das Wissen um Echnaton und sein Wirken in Vergessenheit geriet. Professorin Schulz sieht genau darin einen Grund für die Faszination, welche das Grab und seine Ausstattung noch heute auf Menschen haben.
9 O-TON SCHULZ (Schulz 2 / 06:11 – 06:43)
„Die Ästhetik der Zeit des Tutanchamun beruht natürlich auch ein bisschen darauf, dass wir eine Gegenreaktion haben! Wir haben eine sehr hohe Ästhetik unter Amenophis III. Aber dann haben wir Amarna, und in Amarna wollte man bewusst etwas ganz Anderes. Wenn ich mir einfach einmal ein Gesicht, eine Plastik von Amenophis III. anschaue, von Echnaton und von Tutanchamun, dann liegen Welten dazwischen…
9 O-TON SCHULZ (Schulz 2 / 07:05 – 07:29)
Generell muss man natürlich überlegen, wenn ich mir die Amarna-Phase anschaue, da gibt es höchste Ästhetik. Aber es gibt natürlich auch verstörende, schwierige Darstellungen eines Gesichtes eines Amenophis IV., Echnaton, das einen ein bisschen nervös macht. Und warum ist dieses Gesicht so außerhalb der Proportionen?
SPRECHERIN:
… Groteske, fratzenhaft in die Länge gedehnte Gesichtszüge …
10 O-TON SCHULZ (Schulz 2 / 07:30 – 07:48)
Und wir haben diese höchste Ästhetik unter Amenophis III. Das wird bewusst von Echnaton völlig verändert – und Tutanchamun möchte zurück. Er möchte zurück zu diesen hochentwickelten ästhetischen Wurzeln, und das ist das Spannende.
MUSIK: Z8027679132 Arabic suffering 0‘20
TC 17:45 – Tutanchamun heute
SPRECHERIN
Das Tal der Könige mit dem Grab von Tutanchamun gehört heute zum Aufgabenbereich von Dr. Fathi Yassin, General Director of Antiquities of Upper Egypt für den Bezirk Luxor.
11 O-TON DR. FATHI YASSIN (Yassin – langes i) (Yassin 1 / 00:12 – 00:43)
OVERVOICE
Tutanchamun begeistert noch immer viele Menschen, sowohl in Ägypten als auch weltweit: Es ist nämlich so, dass jeder, der nach Luxor kommt, sich hauptsächlich für zwei Dinge interessiert – den Karnak-Tempel und Tutanchamun. Aus diesem Grund ist Tutanchamun für uns, sagen wir, zu einer Art Ikone geworden, die gleichzeitig das Kernstück des Valley of the Kings ist.
SPRECHER
Als Howard Carter das Grab des Tutanchamun entdeckte, kannte er das Tal der Könige bereits gut. Eine Zeit lang war er dort sogar in der Position eines Chief Inspector of Antiquities of Upper Egypt für den Ägyptischen Antikendienst tätig.
12 O-TON DR. FATHI YASSIN (Yassin 1 / 02:15 – 02:58)
OVERVOICE
„Carter, würde ich sagen, war ein Mensch, der sehr viel Glück hatte – einerseits. Andererseits war er ein unglaublich hartnäckiger Mensch – warum? Lange Jahre hat er mit wenig Erfolg im Tal der Könige gegraben, in der Hoffnung, doch noch die ganz große Entdeckung zu machen. Und dann war er kurz davor, die finanzielle Unterstützung durch seinen Geldgeber endgültig zu verlieren, er musste ihn um etwas mehr Zeit förmlich bedrängen … und in diesen zwei oder drei Wochen, die ihm dann blieben, entdeckte er tatsächlich das Grab des Tutanchamun!
(Yassin 1 / 03:06 – 03:13)
Ehrlich, ich glaube, er hat mehr erreicht, als er sich in seinen kühnsten Träumen je vorgestellt hat.“
MUSIK: Z8027679126 Suspicious bazaar 1‘10
TC 19:31 – Zwischen Vergessenheit und Hype
SPRECHERIN
Die Arbeiten am Grab des Tutanchamun kamen nach achtjähriger Tätigkeit 1930 zum Abschluss: Alles war sorgfältig dokumentiert, verpackt und nach Kairo gebracht worden. Nur Tutanchamun selbst „ruht“ bis heute in seinem Grab im Tal der Könige. Lord Carnarvon, Carters finanzkräftiger Förderer und Mitausgräber, konnte die Früchte seiner großartigen Entdeckung nicht wirklich auskosten: Er verstarb bereits im Frühjahr 1923 in Kairo. Schuld war keinesfalls der vielzitierte „Fluch des Pharao“, sondern eine Blutvergiftung, verursacht durch einen ganz banalen Mückenstich.
SPRECHER
Mit dem Zweiten Weltkrieg und danach flaute das Interesse an Tutanchamun und seinem Grab langsam ab. Die Welt hatte andere Sorgen. Fast schien der geheimnisvolle junge Pharao schon in Vergessenheit geraten, doch dann kamen die siebziger Jahre! Prof. Schulz erinnert sich:
13 O-TON PROF. SCHULZ (Schulz 1 / 01:36 – 01:44)
„Und dann begann ein riesen zweiter Hype durch die großen Ausstellungen! Tutanchamun begann zu reisen (Schulz 1 / 01:52– 02:05)
Es wurden die ersten Tutanchamun-Ausstellungen zusammengestellt. Und ich weiß noch, als kleine Studentin in Berlin – ich fand das so aufregend! Ich durfte ein bisschen Führungen machen, ich durfte ein bisschen mitmachen – das war atemberaubend!
SPRECHERIN
Da war er wieder, der jugendliche Pharao mit seinem goldenen Antlitz und dem geheimnisvollen Lächeln, dem die Welt zu Füßen lag!
14 O-TON PROF. SCHULZ (Schulz 2 / 03:07 – 03:28)
„Die Frage, die sich stellt: Was hat eigentlich die Leute damals so begeistert? Und was begeistert uns heute so? Eigentlich kennt doch jeder die Goldmaske. Warum gucken wir immer wieder drauf und sind immer wieder fasziniert. Das ist wie mit der Mona Lisa – es ist ein Meisterwerk! Und je genauer man draufguckt, man entdeckt immer wieder ein bisschen was Neues.“
SPRECHER
Jahr für Jahr zieht das „Land der Pharaonen“ riesige Besucherströme magisch an – und ein Ende ist nicht in Sicht!
15 O-TON PROF. SCHULZ (Schulz 3 / 01:24 – 02:03)
„Und die Begeisterung, die viele Menschen für Ägypten haben, beruht natürlich auch auf der hohen Ästhetik der ägyptischen Kunst. Und Tutanchamun spielt da natürlich eine ganz wichtige Rolle: Auf der einen Seite kunsthistorisch, auf der anderen Seite natürlich aber auch Tourismus- und Marketing technisch. Und das ist nicht verwerflich, sondern das ist etwas Positives. Und wenn wir die Menschen dafür begeistern können, und wenn sie nach Ägypten kommen, oder wenn sie sich generell für das ägyptische Kulturerbe begeistern, und uns gelingt das mit Hilfe von Tutanchamun, dann ist das mit Sicherheit eine ganz tolle Sache.“
MUSIK: Z8027679131 Children of war 0‘53
SPRECHERIN
Entspannt können Besucher heute den Grabschatz von unvorstellbarem Wert im neuen Grand Egyptian Museum bestaunen, ohne dabei die Mühe und den Schweiß eines Howard Carter auf sich nehmen zu müssen! Und doch kann man sich beim Anblick all der golden und farbig funkelnden Gegenstände, die über Jahrtausende, tief verborgen in einem kleinen Grab im Tal der Könige, den jungen Pharao umgaben, einer tiefen Ergriffenheit nicht erwehren - Es bleibt die Bewunderung für jene altägyptischen Künstler, die all das für die Ewigkeit geschaffen haben – eben „wunderbare Dinge“!
TC 23:02 - Outro