Revision 699: ARIA-Glücksrad Nachklapp, neue APIs und reale Unterstützung
In dieser Folge setzen wir dort an, wo wir mit der vorherigen ARIA-Glücksrad-Folge aufgehört haben. Denn wir haben nach der Veröffentlichung tolles Feedback bekommen und holen uns deren Absender als Verstärkung rein: Mit Accessibility Engineer Daniela Kubesch (LinkedIn / Bluesky / Mastodon), Frontend/Design-Systems Engineer Marco Bretschneider, Web-Technologie-Consultant und W3C Invited Expert Peter Krautzberger (LinkedIn) und Accessibility Experience Experten Paweł Masarczyk sprechen wir darüber, was von ARIA-Attributen in der Praxis wirklich ankommt – bei Browsern, im Accessibility Tree und letztlich bei Screenreadern. Wir gehen systematisch die Attribute aus der letzten Glücksrad-Runde durch, ordnen sie technisch ein und ergänzen sie um Perspektiven aus Spezifikation, Implementierung und tatsächlicher Nutzung. Dabei wird klar: Zwischen Spec-Idee, API-Mapping und realer Unterstützung liegen oft Welten. Shownotes [00:05:08] aria-placeholder Wir klären, dass aria-placeholder tatsächlich das ARIA-Pendant zum HTML-placeholder ist – gedacht für selbstgebaute Input-ähnliche Controls. Alle sind sich einig: In freier Wildbahn sieht man es kaum, was vermutlich auch ein gutes Zeichen ist. Spannend ist vor allem, wie Placeholder von Screenreadern angesagt werden und wie sie sich von aria-describedby unterscheiden lassen. [00:11:25] aria-details & ariaDetailsElements (DOM) Peter nutzt die Gelegenheit für einen Deep Dive: aria-details ist kein „längeres Describe-By“, sondern ein eigenes Pattern, entstanden aus echten Use-Cases (z. B. Google Docs mit Kommentaren). Wir sprechen über die neuen Element-APIs, die ohne ID-Listen auskommen, über Popover-Verknüpfungen und darüber, wie vage Specs bewusst Spielraum für Assistive Technologien lassen. [00:21:13] (Core) Accessibility API Mappings (AAM) Ein Abstecher unter die Haube: AAM-Spezifikationen beschreiben, wie DOM und ARIA auf die Accessibility-APIs der Betriebssysteme gemappt werden. Eigentlich für Browser-Hersteller gedacht – aber extrem hilfreich, um zu verstehen, wo Informationen verloren gehen oder ergänzt werden. [00:33:35] aria-posinset & aria-setsize Die Klassiker für große, virtuelle Datenmengen. Wir diskutieren, warum diese Attribute auf Einzelelementen sitzen müssen, wie gut sie tatsächlich unterstützt sind und ob User Agents nicht mehr selbst berechnen sollten. Fazit: theoretisch sinnvoll, praktisch noch eine Baustelle. [00:47:17] aria-errormessage Ein gutes Beispiel für das Dilemma „gute Idee, holprige Unterstützung“. Während NVDA und TalkBack Fortschritte machen, bleibt die Abdeckung lückenhaft. Trotzdem sehen wir den Mehrwert gegenüber reinem aria-describedby – gerade, wenn Fehlermeldungen klar als solche kommuniziert werden sollen. [00:50:31] CSS Speech & Audio-Design Wir diskutieren die Idee, Audio-Ausgabe per CSS zu beeinflussen: von Tonhöhe über Geschwindigkeit bis hin zu Sound-Design. Zwischen Branding-Potenzial und Kontrollverlust für Nutzer:innen entsteht eine Grundsatzfrage, die stark an Debatten rund um Alternativtexte erinnert. [01:05:11] Braille-Properties Sehr spezielle Werkzeuge für sehr spezielle Fälle. Peter erklärt, warum Braille-Attribute existieren, wofür sie gedacht sind (z. B. Bildung, Musik- oder Chemienotation) – und warum man sie in 99,9 % der Fälle besser nicht anfasst. [01:15:15] aria-colcount, aria-colindex & Tabellen Wir landen wieder bei großen Tabellen, Grids und Tree-Grids: Wann machen zusätzliche ARIA-Infos Sinn, wann sind sie redundant? Besonders spannend sind menschenlesbare Index-Texte (z. B. Schachfelder wie „A4“) jenseits reiner Zahlen. [01:23:01] aria-multiselectable Ein eher leises Signal mit großer Wirkung: Es teilt Assistive Technologien mit, dass eine interaktive Liste Mehrfachauswahl erlaubt. Wir ordnen es ein zwischen nativen Desktop-Patterns, Web-Mail-UIs und den WAI-ARIA Authoring Practices. Links A-Tag Wien 2026 Accessibility-Konferenz in Wien, Anmeldung ab 1. Februar. ARIA Actions Vorschlag für ein neues Pattern, um sekundäre Aktionen besser zugänglich zu machen. Core Accessibility API Mapping Spezifikation zum Mapping von ARIA auf Betriebssystem-APIs. ARIA-Issues zu Placeholder, Details & Co. Diskussionen rund um mehrere der besprochenen Attribute. HTML-Support in Screenreadern Überblick zu tatsächlicher Unterstützung von HTML-Features. Deprecation-Diskussion zu aria-errormessage Einblick in die Debatte innerhalb der ARIA Working Group. Léonie Watson: CSS Speech Vortrag zur Motivation und Einordnung von CSS Speech. JAWS Sound Schemes Beispiel für nutzerseitig konfigurierbares Audio-Feedback. Pronunciation Task Force „Gegenseite“ im Diskurs um Aussprache und Audio-Kontrolle. Leonie Watson: Addressing concerns about CSS Speech Einordnung der Kritikpunkte und Gegenargumente. Vasilis van Gemert: Exclusive Design Talk mit spannenden Audio- und Nicht-visuellen Design-Experimenten. WAI-ARIA Authoring Practices: Listbox Referenzmuster für interaktive (auch multiselect-fähige) Listen.
Revision 698: Government Site Builder – Open Source, aber bitte nicht zu offen?
In dieser Folge sprechen wir zu zweit über unsere Eindrücke rund um den Government Site Builder (GSB) – ausgelöst durch unseren Besuch auf der T3CON in Düsseldorf. Eigentlich wollten wir vor Ort ein Interview zum Projekt führen. Herausgekommen ist stattdessen eine kurze, leicht rantige Bestandsaufnahme darüber, wie schwer es ist, überhaupt belastbare Informationen oder Gesprächspartner:innen zum GSB zu finden. Wir sprechen darüber, warum uns das Thema trotz (oder gerade wegen) politischer Rahmenbedingungen interessiert, welche Rolle das Informationstechnikzentrum Bund (ITZ-Bund) spielt, wie Agenturen in sogenannten „Losen“ organisiert sind – und warum ein Projekt, das sich selbst als 100 % Open Source bezeichnet, von außen oft erstaunlich verschlossen wirkt. [00:01:06] Government Site Builder (GSB 11) Der Government Site Builder ist ein von der Bundesverwaltung initiiertes Projekt, das eine standardisierte technische Basis für Webseiten von Bundesbehörden bereitstellt. Die aktuelle Version GSB 11 basiert auf TYPO3 und wird vom ITZ-Bund verantwortet. Ziel ist es, Digitalisierung voranzubringen, Abhängigkeiten von proprietären Systemen zu reduzieren und eine einheitliche, barrierearme Plattform für Behördenwebsites zu schaffen.In der Umsetzung arbeitet das Projekt mit mehreren Vergabelosen: Während das ITZ-Bund den grundlegenden Tech-Stack verantwortet (Los 1), werden Migrationen und Implementierungen von Agenturen übernommen (Los 3). Als Generalunternehmer fungiert dabei eine große Agentur, unter deren Dach zahlreiche weitere Agenturen eingebunden sind. Trotz des Open-Source-Anspruchs stößt man aktuell auf Hürden: Verlinkte Code-Repositorien auf OpenCode sind teilweise nicht öffentlich zugänglich, Aussagen zum Projekt müssen offenbar umfangreich abgestimmt werden, und selbst auf Konferenzen fällt es schwer, auskunftsfähige Ansprechpartner:innen zu finden. Das steht in einem spürbaren Kontrast zu früheren Vorbildern wie gov.uk, wo technische Erkenntnisse, Accessibility-Learnings und Architekturentscheidungen offen in die Community zurückgespielt wurden. Genau diese Offenheit vermissen wir aktuell beim GSB – obwohl das Projekt aus öffentlichen Mitteln finanziert wird und explizit Transparenz betont. Links bundespolizei.de Beispiel einer Website, die bereits auf Basis von GSB 11 umgesetzt wurde. karriere.bund.de Weitere öffentlich genannte Referenz für einen produktiven Einsatz des Government Site Builders. CoreMedia Kommerzielles, Java-basiertes CMS, auf dem frühere GSB-Versionen (z. B. Version 7) noch weit verbreitet laufen. KoliBri Web-Components-basierte Frontend-Library, die im Kontext des GSB als mögliche UI-Basis erwähnt wird. David Heinemeier Hansson Erwähnt im Kontext der Diskussion, was „Open Source“ eigentlich bedeutet, wenn Code zwar einsehbar, aber kaum offen für externe Beiträge ist.
Revision 697: Die Sanitizer API, mit Frederik Braun
In dieser Folge sprechen wir mit Frederik Braun (Mastodon) aus dem Firefox-Security-Team bei Mozilla über den langen Weg der Sanitizer API: Von ersten Prototypen vor über fünf Jahren bis zum geplanten Shipping in Firefox und Chrome im Februar 2026. Schaunotizen [00:01:08] Die Sanitizer API Einleitend klären wir, warum Cross-Site-Scripting (XSS) auch 2026 noch eines der größten Web-Security-Probleme ist, weshalb bestehende Lösungen wie DOMPurify, Content Security Policy oder Trusted Types zwar helfen, aber kaum breit eingesetzt werden – und dass die Sanitizer API einen neuen, deutlich praxisnäheren Ansatz verfolgt.Die Sanitizer API ist ein neuer Web-Standard, mit dem sich unsicheres HTML direkt beim Einfügen in den DOM bereinigen lässt – ohne String-Roundtrips und ohne zusätzliche Bibliotheken. Statt Element.innerHTML = html wird künftig Element.setHTML(html) verwendet. Der Browser übernimmt Parsing, Bereinigung und Einfügen in einem Schritt und verhindert zuverlässig Cross-Site-Scripting, DOM-Clobbering und viele Varianten von Mutated-XSS. Links Revision 447: XSS und die HTML Sanitizer API Die eingangs erwähnte, mittlerweile fünfeinhalb Jahre alte Folge mit Frederik, in der XSS und die ursprüngliche Idee der Sanitizer API bereits ausführlich besprochen wurden. Revision 452: CORS, CORP, (C)ORB, COOP und COEP Eine weitere Folge mit Security-Fokus, nämlich zu diversen sicherheitsrelevanten HTTP-Headern, ebenfalls mit Frederik. Revision 514: ASTs, Linter und Security mit Frederik Braun In dieser Revision reden sprechen wir mit Frederik über Abstract Syntax Trees, Lexer und Parser. Und natürlich Security! DOM Clobbering Angriffstechnik, bei der HTML-IDs oder Names bestehende JavaScript-Objekte überschreiben und so Logikfehler oder Sicherheitslücken auslösen. Höre dazu auch Revision 202: Sicherheitslücken – DOM Clobbering, XSS via CSS, ES6 Fallen. Interop-Projekt Browser-übergreifende Initiative zur Angleichung von Web-Plattform-Features, potenziell relevant für Trusted Types in zukünftigen Iterationen.
On Tour @ #t3con – Incluthon: Inklusion testen statt abhaken, mit Stefan Barac
Dieses Interview ist Teil der Serie On Tour @ #t3con. T3CON ist die jährliche Konferenz, bei der es um alle Themen rund um TYPO3 geht. Wir waren am 25. November 2025 in Düsseldorf beim Community Day vor Ort und haben die Stimmung und einige Interviews mitgenommen. Incluthon: Inklusion testen statt abhaken Auf dem Community Day der T3CON in Düsseldorf sprechen wir mit Stefan Barac (LinkedIn) über Incluthon: eine Initiative, die Menschen mit Behinderungen mit Unternehmen zusammenbringt, um digitale Produkte wirklich inklusiver zu machen. Statt reiner Checklisten geht’s um echte Usability-Tests mit Accessibility-Fokus, bei denen Barrieren aus realer Nutzungsperspektive sichtbar werden. Außerdem geht’s um Mentoring und Sensibilisierung für ganze Produktteams: von verständlicher Sprache über passende Ikonografie und Informationsarchitektur bis hin zu der Erkenntnis, dass Accessibility ein fortlaufendes Programm ist (kein einmaliges Projekt). Wir streifen dabei auch regulatorischen Druck (BFSG, European Accessibility Act) und die WebAIM-Million-Studie als Reality-Check – und empfehlen ausdrücklich, sich die Demos/Webinare von Claudio Zeni anzuschauen, um ein besseres Gefühl für assistive Technologien in der Praxis zu bekommen. Auf YouTube findest du das Video zu unserem Gespräch.
Revision 696: Was macht eigentlich… Anselm Hannemann?
So lang ist es her (5 Jahre), dass Anselm Hannemann hier im Working Draft Teil des Podcast-Teams war. Jetzt habe ich (Hans) ihn mal gefragt, ob er mal wieder bei uns zu Gast sein möchte — und er hat ja gesagt. Heute geht’s mal um Anselm, was ihn zu dem gemacht hat, der er heute ist, und was er so in den letzten Jahren so getrieben hat. Schaunotizen [00:03:30] Zum Programmieren gekommen Wir sprechen darüber, wie wir uns kennengelernt haben. Da war der Weg nicht weit, um über Anselms Werdegang zu sprechen: Ausbildung, Studium und erste Projekte. Spannend auch, wie damals Print-Design ins Web gebracht wurde. [00:20:30] Engineering Management als Freelancer [00:31:00] Burn-out, Prävention und Gartenprojekt Ein tolles Projekt, das Anselm vor einigen Jahren ins Leben gerufen hat, ist eine eigene Gärtnerei. Nach Burn-out und Überlegungen, wie man im Software-Engineering eigentlich gesund bleibt, kam es zu dieser kostspieligen Idee. Unser Gespräch geht über die Finanzierung und Personal-Coaching, das aus dem Burn-out hilft. [00:53:22] Anselms aktuelles technisches Interesse Schnelle AI-Modelle, LLMs lokal laufen lassen, Accessibility AI und wann funktioniert AI für Coding.